aus: Die Zeit, 01/2002

Das Glück prophezeien

von Tomas Niederberghaus


Wie entschleiert man die Zukunft? Wie deckt man Verborgenes auf? Was haben
scheinbar zufällige Zeichen mit dem menschlichen Schicksal zu tun? Orakel
versuchen, das Unbekannte zu erforschen und zu deuten; und sind von
hartnäckiger Lebensdauer. Da läuft man durch die schmucken Renaissancearkaden
der Alten Münze in München und erschrickt: Auf dem Boden liegt plötzlich eine
Tarotkarte, groß wie ein Plakat; irgendwo spricht eine Frauenstimme: »Entflieht man
nach langer Zeit dem falschen Kummer, so wird der liebste Wunsch gesprochen, und
eine Zunge wird ihm gegeben werden.« Es ist ein bizarres Zusammenspiel aus
Akustik und Visuellem. Glücksprophezeiungsmaschine nennt die in Berlin lebende
Künstlerin Susanne Weirich die neueste Installation ihrer Reihe Dreidimensionale
Erzählungen. Ein Orakel im Arkadengang. Zu jeder Tarotkarte, die durch einen
Bewegungsmelder auf den Boden projiziert wird, erklingt ein verfremdetes Zitat von
Hölderlin, Kleist, Shakespeare oder Brecht - frei nach dem Zufallsprinzip, gesprochen
von Schauspielerinnen wie Susanne Lothar oder Inga Busch. So wird dieser
Spaziergang auch zum literarischen Experiment, an dessen Ende zu hören ist: »Und
durch die Hände stürzen Fontänen einer besseren Welt.« Gute Aussichten fürs neue
Jahr!