aus: Tagesspiegel, 16.09.2000


Galerie Borgemeister
Neue Arbeiten von Susanne Weirich
Thomas Pynchon zu Thomas Crown


von Michaela Nolte


"Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück." Karl Kraus' Aphorismus spricht in Susanne Weirichs neuem Zyklus "Busybody" aus jedem Rasterpunkt der fotografischen Bilder. Eine Frauenhand verweilt in "Busybody III" verführerisch am edlen Faltenwurf über der bloßen Schulter. Vielleicht drückt der Gestus aber auch Abwehr aus,
Entschlossenheit oder Angst, die Halt am Kleiderstoff sucht. Direkt daneben rückt die Hand mit ebenderselben Geste näher ins Bild. Doch eine Bedeutung wird dadurch ebensowenig entschlüsselt, wie in drei weiteren Bildfragmenten, welche die beiden Ausschnitte umgeben: zwei Männerhände ein und derselben Person, ein Brief, dessen Worte sich dem Blick entziehen. "Sie kann Schlüsselfragen miteinander kombinieren.
Sie kann nach Hinweisen suchen. Sie kann ihr ganzes Leben damit verschwenden und doch nicht den kleinsten Zipfel Wahrheit dabei in die Finger kriegen", heißt es in "Busybody III". Jedem der Fotobilder ist ein Zitat aus dem Roman "The Crying of Lot 49" von Thomas Pynchon eingeschrieben.
Weirich folgt in den sechs Digitalprints (je 3200 Mark, zusammen 16 000 Mark) einem strengen Schema und einem ebenso prägnanten wie einprägsamen Rhythmus. Die einzelnen Bildsegmente werden von schwarzen Waagerechten und Senkrechten umrahmt und unterteilt. Doch die Ordnung ist trügerisch. Im Zusammenklang der entrückten Montagen mitsamt ihren kryptischen Untertiteln, entfalten die einzelnen Handlungen eine fast kriminologische Spannung. "I'm only being a busybody", resümiert Pynchons Protagonistin, Oedipa Maas, am Ende des Romans. In der deutschen
Übersetzung wird Oedipa zu einer "stillen Beobachterin". Susanne Weirich ist der eigentlichen Bedeutung des Begriffs auf den Grund gegangen. Ein "busybody" mischt sich ein, ist Spion oder Fensterspiegel, der den Einblick auf das freigibt, was hinter der Ecke im Verborgenen lauert.
Cineasten könnten in einem bestechend grünen Augenpaar ("Busybody IV") Faye Dunaway vermuten und die wahren Filmkenner schließen aus den Händen Steve McQueens auf Norman Jewisons Film "Thomas Crown ist nicht zu fassen". Die 1962 geborene Künstlerin benutzt ausschnitthafte Stills aus diesem Film und bedient sich seiner Parallelmontage. Doch geht es nicht um Identifikation, um Erkennen, sondern um einen subjektiven Erkenntnisgewinn. Weirich kombiniert den Kultfilm von 1968 mit Zitaten aus dem drei Jahre früher entstandenen Pynchon-Roman zu einer äußerst sinnlichen Zeichenhaftigkeit. Sie montiert ein Szenario, dessen Handlungsmuster es neu zu dechiffrieren gilt. Eine Figur liegt am Boden, die Weste Thomas Crowns ist zu sehen, eine Hand mit einer Taschenuhr, ein Männer-, ein Frauenmund tauchen auf. Die Motive werden in minutiös variierten Blickwinkeln gedoppelt und wiederholt und entfalten
so ihre subtile Dynamik.
Der Filmplot jedoch ist für die Fotoserie sekundär und die eingeschriebenen Zitate kommentieren das Gesehene nicht, sondern legen sich wie eine Aura des Rätselhaften um die Bilder. Dieses enigmatische Geflecht rollt immer wieder neue Geschichten auf, deren atmosphärische Dichte jedoch nie in Mystik verfällt oder geschwätzig wird. So wie bei Pynchon der Sinn stets zwischen den Zeilen anklingt, schwingt der Bildzusammenhang bei Weirich in den schwarzen Linien, die die Bildfragmente tektonisch gliedern. Sie bieten dem Betrachter Einstiegshilfen und Geraden an, die sich jedoch von Raster zu Raster in ein undurchdringliches Labyrinth verwandeln, das in jedem Winkel eine Antwort zu versprechen scheint und doch immer nur weitere Fragen aufwirft. Je näher man die Bilder ansieht, desto ferner sehen sie zurück.